Glauben stark machen

Die erste Woche nach den Ferien ist geschafft! Der Alltag hat uns alle wieder! Wie war’s? Normalerweise werden Kinder so nach der Schule von ihren Eltern – meistens von der Mutter – empfangen. In der Regel sprudeln die Kinder dann wie ein Wasserfall und erzählen von ihren Erlebnissen und Begegnungen. Was sie alles lernen sollten, wie sich die Lehrer anstellten und wie sich der eine oder andere Mitschüler verhalten hat.

Frauen können das übrigens genauso gut wie Kinder! Nur wir Männer halten uns in aller Regel bedeckt, wenn man uns danach fragt, wie unser Tag war. Da braucht es schon viel Fingerspitzengefühl und unendlich viel Geduld, um das aus uns herauszulocken, was wir an einem Tag erlebt und wie wir uns dabei gefühlt haben.

Was wir aber alle, ob Kind oder Erwachsener, ob schulpflichtig oder arbeitslos, Tag für Tag nötig haben, ist Wertschätzung und Ermutigung. Der schon in die Jahre gekommene aber immer noch gültige Slogan „Heute schon Dein Kind gelobt?“ lässt sich dabei durchaus erweitern: „Heute schon deinen Mann gelobt, deinen Chef, deine Frau, deinen Mitarbeiter?“

Wie können wir Kinder stark machen? Wodurch werden Jugendliche gefördert? Was motiviert und spornt uns an?, gerade in einer Zeit, die so unsicher und angstbesetzt ist, dass man treffsicher auf den Gesichtern die Stimmungslage der Nation ablesen kann.

Wertschätzung und Ermutigung, Zuspruch und Anerkennung beflügeln uns, machen uns stark und lassen uns neue Schritte wagen. Deshalb werden in allen neutestamentlichen Briefen – bis auf den Galaterbrief – die Christen in den Gemeinden gelobt und ermutigt. Auch in unserem Johannesbrief.

1. Johannes 2, Vers 12 bis 17 (Einheitsübersetzung): Ich schreibe euch, ihr Kinder, dass euch durch seinen Namen die Sünden vergeben sind. Ich schreibe euch, ihr Väter, dass ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer, dass ihr den Bösen besiegt habt.

Ich schreibe euch, ihr Kinder, dass ihr den Vater erkannt habt. Ich schreibe euch, ihr Väter, dass ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer, dass ihr stark seid, dass das Wort Gottes in euch bleibt und dass ihr den Bösen besiegt habt.

Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt und ihre Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

Hier wird nicht die gute Klassenarbeit der Kinder, das knusprig zubereitete Hähnchen der Frau oder der perfekt geschnittene Rasen des Mannes gelobt. Hier geht es um geistlichen Zuspruch, der unseren Glauben stark macht. Steile und durchaus gewagte Sätze, die Johannes hier in den Raum stellt.

Johannes wendet sich hier nicht an die „Kinder, jungen Männer und Väter“ nach dem Lebensalter, sondern nach der geistlichen Reife. Er spricht die Anfänger, Fortgeschrittenen, Väter und Mütter im Glauben an.

Dabei kann die erste Anrede „Ich schreibe euch, ihr Kinder“ durchaus auch auf alle Leser seines Briefes – völlig losgelöst vom geistlichen Reifegrad – bezogen sein. Dies ist eine beliebte Anrede des altgewordenen Johannes. So hat er seine Leser bereits im ersten Vers des zweiten Kapitels angesprochen und wird dies an vielen Stellen seiner Briefe noch wiederholen. Der altgewordene Apostel wendet sich seelsorgerlich an seine Leser, die Christen aus den Gemeinden Kleinasiens und nennt sie liebevoll „Kindlein“.

Damit gilt der Zuspruch dass euch durch seinen Namen die Sünden vergeben sind und dass ihr den Vater erkannt habt allen seinen Lesern und damit ja auch uns, wenn wir denn Christen sind und somit auch Kinder, Kinder unseres Vaters im Himmel.

Für Johannes ist die Gewissheit der Sündenvergebung ein wichtiges Thema. Bereits zum 2. Mal weist er seine Leser darauf hin. Jeder – der wie Johannes – mit Menschen als Seelsorger zu tun hat, kennt die Not um die Fragen, ob Gott mir meine Schuld denn wirklich vergeben hat. Immer und immer wieder werden wir Christen durch längst vergangene und auch vergebene Schuld vom Teufel angeklagt. Oder aber wir klagen uns selbst immer wieder an und können uns diese Sache einfach nicht vergeben.

Nicht durch das Abendmahl werden uns die Sünden vergeben. Auch kein Mensch kann uns unsere Sünden vergeben. Den Zuspruch der Sündenvergebung – wie Johannes ihn hier an seiner Leser weitergibt: Ich schreibe euch, ihr Kinder, dass euch durch seinen Namen die Sünden vergeben sind. lebt nicht von einem priesterlichen Amtsverständnis, sondern hat mit dem Namen aller Namen, mit Jesus Christus selbst zu tun. In der Bibel steht der Name immer für die Person. Name und Person sind eine Einheit. So bedeutet der Hinweis durch seinen Namen, durch das, was Jesus tat in seinem Leiden und Sterben für uns am Kreuz von Golgatha. In diesem Sinne feiern wir miteinander Abendmahl als Erinnerungsmahl, als Vergewisserungsmahl: Jesus ist für mich und meine Schuld ans Kreuz gegangen, damit ich leben kann, damit ich einen Ort habe, wo ich mit meiner Schuld hin kann und befreit von meiner Sünde buchstäblich wieder neu anfangen kann.

Das Abendmahl hat Jesus gegen unsere Vergesslichkeit eingesetzt. Denn wir sündigen auch als Christen und bleiben lebenslang auf die Vergebung Gottes durch das stellvertretende Sterben Jesu angewiesen!

Manchmal reicht es aber nicht, dies zu wissen. Manchmal brauchen wir einen solchen persönlichen Zuspruch, uns ganz persönlich zugesagt: „Du, dir sind durch seinen Namen – durch Jesus selbst, durch sein Sterben am Kreuz von Golgatha – deine Sünden vergeben.“ Deshalb steht nach dem Gottesdienst ein Segens- und Gebetsteam zur Verfügung, wo man auch beichten kann, und wo einem auf den Kopf zu die Vergebung der Sünden angesagt wird.

Beim zweiten Zuspruch, der auch allen Christen gilt Ich schreibe euch, ihr Kinder, dass ihr den Vater erkannt habt geht es nicht um ein intellektuelles Erkennen und ein Kopfwissen. Für Johannes geht es dabei um eine persönliche Lebens- und Liebesbeziehung zu dem in Christus Mensch gewordenen Gott.

Es geht nicht um Wissen, sondern um Beziehung. Ihr Christen in Kleinasien philosophiert nicht abstrakt über Gott, sondern lebt und erfahrt den lebendigen Gott als euren guten Vater. So habt ihr wirklich Gott erkannt. Gerade in der Auseinandersetzung mit allen möglichen und unmöglichen religiösen und auch dem Anstrich nach christlichen Strömungen, die entweder gesetzliche Enge predigen oder aber ein größeres und tieferes Wissen über Gott verkündigen, wirkt es geradezu befreiend vom alten Johannes zugesagt zu bekommen: Ihr habt tatsächlich bereits Gott, den Vater erkannt. Ihr lebt ja mit ihm.

Neben diesen beiden allgemein gehaltenen Zusprüchen, die aber keineswegs als billige Allerweltsbotschaften missverstanden werden sollten, wendet sich Johannes jetzt einerseits den „Vätern im Glauben“ und andererseits den „Anfängern im Glauben“ zu.

Zweimal sagt er den langjährigen reifen Christen: Ich schreibe euch, ihr Väter, dass ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Wieder geht es um Erkenntnis im Sinne einer persönlichen Lebens- und Liebesbeziehung zu Christus. Johannes lobt nicht die Erfahrung und das Wissen der Väter und Mütter in Christus oder ihre Bibelkenntnis. Er lobt ihre Christusbeziehung! Nicht die Taten des Glaubens der Vergangenheit werden gerühmt, sondern die lebendige Beziehung zu Jesus in der Gegenwart wird herausgestellt.

Den „Jungen im Glauben“ bescheinigt Johannes: Ich schreibe euch, ihr jungen Männer, dass ihr den Bösen besiegt habt, dass ihr stark seid, dass das Wort Gottes in euch bleibt, und dass ihr den Bösen besiegt habt.

Vor allem dieser Zuspruch lässt so manche Fragen aufkommen. Hat der gute alte Johannes sich hier nicht ein bisschen vertan? Wäre diese Zusage nicht eher an die Väter und Mütter in der Gemeinde richtig adressiert gewesen, als ausgerechnet an die Jungen, die nun nicht gerade als „reif“ zu bezeichnen sind. Da ist noch so viel Unausgegorenes, Unüberlegtes, Überschwängliches und Undurchdachtes. Aber ausgerechnet dieser Gruppe in der Gemeinde bescheinigt Johannes dreierlei:

- Ihr habt den Bösen besiegt

- Ihr seid stark

- Das Wort Gottes bleibt in euch

Wer braucht am meisten Ermutigung und Zuspruch? Die gestandenen Christen oder die Anfänger? Die Lebens- und Glaubenserfahrenen oder die Unsichereren?

Johannes beantwortet diese Frage eindeutig, indem er hier ganz stark die „Jungen im Glauben“ ermutigt und sie so eben auch fördert und herausfordert. Als die „Jungen im Glauben“ bezeichnet der griechische Ausdruck die 24 bis 40-jährigen, die mitten im Leben und im Lebenskampf stehen, in einer spannungsvollen und versuchungsreichen Welt.

Johannes ist zu alt um blauäugig zu sein. Aber er ist Seelsorger genug, um zu wissen, dass es die Chance des Alters ist, weise und barmherzig zu sein und die der Jungen dynamisch und engagiert. Dabei kennt er auch die Gefahren, dass die Jungen sich auflehnen können und unreflektiert handeln und die Alten bitter und resigniert sein können.

Es geht nicht um die menschliche Stärke der Jugend. Dem Bösen gegenüber hilft die natürliche Stärke nichts. Sie brauchen eine andere Kraft, um zu siegen. Und sie haben diese Kraft, weil „das Wort Gottes in ihnen bleibt“. Das ist entscheidend, dass sie das Wort Gottes nicht nur „hören“, sondern dass das gehörte Wort in ihnen „bleibt“ und seine Lebensmacht in ihnen entfaltet. Wir müssen dabei wissen, dass die Gemeindeglieder jener Zeit keine „Bibel“ hatten! Sollte das Wort des Christus in ihnen wirken, dann musste es im Gedächtnis seinen festen Platz finden. Wo das Wort Gottes mit seiner Kraft so im Menschen „bleibt“, da „haben sie den Bösen besiegt“.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 59

Wir brauchen nur an die Versuchungsgeschichte Jesu zu denken. Jesus hat den Kampf gegen den Teufel nicht mit seiner Kraft, sondern mit dem Wort Gottes entschieden.

Johannes ermutigt seine Leser mit einem sechsfachen Zuspruch:

- dem Zuspruch der Vergebung der Sünden

- dem Zuspruch der Nähe des Vaters im Himmel

den Vätern und Müttern im Glauben wird bescheinigt:

- dass sie den erkannt haben, der von Anfang an ist

und den Jungen im Glauben wird gesagt:

- dass sie den Bösen besiegt haben

- dass sie stark sind

- dass das Wort Gottes in ihnen bleibt

Nach dem Zuspruch kommt auch bei Johannes der Anspruch: Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt und ihre Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

Dem Zeitgeist stellt Johannes den ewigen Willen Gottes gegenüber. Die Welt mit ihren Ansprüchen und Begierden vergeht. Wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

Johannes redet hier nicht der Weltflucht das Wort und wirbt für das Klosterleben. Nach Jesus – Johannes 17 – sind wir ja ausdrücklich in diese Welt gesandt. Aber wir sollen uns eben nicht vom Weltgeist infizieren lassen, sondern als Licht und Salz in dieser Welt wirken.

Angesichts dieses spannungsgeladenen Anspruchs bekommt der sechsfache Zuspruch noch ein ganz anderes Gewicht! Denn wir werden uns so manches Mal in dieser Welt mit ihren Ansprüchen verlieren und da müssen wir es neu gesagt bekommen,

- dass wir an unserer Schuld nicht ersticken müssen

- dass die Arme unsers Vaters im Himmel weit offen sind und wir wie der verlorene Sohn aus Lukas 15 wieder zurück und nach Hause zu unserem Vater im Himmel dürfen. Amen.



Krefeld, den 28. August 2005
Pastor Siegfried Ochs



Anmerkungen, Fragen und Kritik an: