Liebe üben

Man kann ja der Deutschen Bundesbahn einiges nachsagen, vor allem was die Pünktlichkeit und die Zuverlässigkeit betrifft, aber eine Fahrt im ICE ist schon etwas großartiges. Besonders faszinierend fand ich die permanente Geschwindigkeitsanzeige, vor allem auf der Neubaustrecke zwischen Hannover und Berlin, wo man fast kontinuierlich 250 km/h auf der Anzeige lesen konnte.

Dabei war es für mich natürlich ein Riesenspaß Ille die Geschwindigkeit schätzen zu lassen. Manchmal hatte sie den richtigen Eindruck, aber meistens lag sie doch daneben.

Ob es wohl eine solche Anzeige für unser geistliches Leben gibt, auf der wir sicher ablesen können, wie es um unseren Glauben bestellt ist, völlig losgelöst von unseren schwankenden Gefühlen und Erfahrungen?

Johannes würde diese Frage eindeutig mit einem „Ja“ beantworten, 1. Johannes 2, Vers 3 bis 11 (Einheitsübersetzung): Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, daß wir ihn erkannt haben. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm. Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet. Wir erkennen daran, daß wir in ihm sind. Wer sagt, daß er in ihm bleibt, muß auch leben, wie er gelebt hat.

Liebe Brüder, ich schreibe euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt. Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, etwas, das in ihm und in euch verwirklicht ist; denn die Finsternis geht vorüber, und schon leuchtet das wahre Licht. Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder haßt, ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht; da gibt es für ihn kein Straucheln. Wer aber seinen Bruder haßt, ist in der Finsternis. Er geht in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht; denn die Finsternis hat seine Augen blind gemacht.

Johannes gibt uns in diesen zehn Versen einen objektiven Gradmesser für unseren Glauben an die Hand:

- das Leben nach den Geboten Gottes

- die Liebe zum Mitchristen

Für Johannes lässt sich so unumstößlich erkennen, ob wir wirklich den lebendigen Gott erkannt haben und in seinem Licht – dem Herrschaftsbereich des lebendigen Gottes – leben.

Nicht unsere Gefühle, nicht unsere Erfahrungen und auch nicht unser biblisches Wissen sind für Johannes ausschlaggebend, sondern unsere Glaubenspraxis, unser Alltagsgottesdienst, das konsequente Leben nach den guten Ordnungen Gottes, eben die ganzheitliche Nachfolge Jesu Christi und die aktive Liebe zu den Mitchristen.

Im ersten Absatz – den Versen 3 bis 6 – geht es um die Frage nach der wirklichen Gotteserkenntnis und im zweiten Absatz – den Versen 7 bis 11 – um das alte und doch neue Gebot der Bruderliebe. So zuverlässig die Geschwindigkeitsanzeige im ICE ist, so unbestechlich wird durch unser Leben und unseren Umgang miteinander unser Glaube angezeigt.

Johannes 2, Vers 3 bis 6 (Revidierte Elberfelder): Und hieran erkennen wir, daß wir ihn erkannt haben: wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran erkennen wir, daß wir in ihm sind. Wer sagt, daß er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist.

Viermal greift Johannes hier das Grundwort der Gnosis auf: „Erkenntnis“ und setzt sich so unausgesprochen mit dieser Geheimlehre, der Gnosis – den damaligen Esoteriken, die auf ihre besondere Erkenntnis, ihr scheinbar tieferes Wissen über Gott stolz waren und gerade im Raum der Gemeinden in Kleinasien – der heutigen Türkei – Anhänger für ihre Lehre finden wollten, auseinander.

Für Johannes ist die wirkliche Gotteserkenntnis kein theoretisches abstraktes Wissen über Gott, sondern personale Begegnung mit dem in Christus Mensch gewordenen Gott. Erkennen ist nach biblischem Verständnis etwas völlig anderes als Kopfwissen, 1. Mose 4, Vers 1 (Einheitsübersetzung): Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain.

Adam theoretisierte nicht über Eva. Er stellte keine klugen Gedanken und Systeme über seine Frau auf. Er war intim mit ihr. Das bedeutet biblisch Erkenntnis: Gott nicht theoretisch als Objekt betrachten und behandeln, sondern ihm persönlich begegnen, mit ihm engste Gemeinschaft haben. Dass wir in der Nachfolge der Griechen "Erkenntnis" in diesem "Subjekt - Objekt - Verhältnis" verstehen, ist der Grund all der Schwierigkeiten und Nöte, die wir als "moderne Menschen" mit der christlichen Botschaft haben. Ständig suchen wir Gott zum Objekt unseres intellektuellen Erkennens zu machen, ihn zu beweisen" oder "wegzubeweisen". Aber der lebendige Gott wird niemals unser "Objekt" und kann es nie werden. Wer ihn so zu greifen versucht, greift notwendig ins Leere.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 38

Gotteserkenntnis geht nach biblischem Verständnis mit Gottesgemeinschaft Hand in Hand. Wer Gott nur vom Hörensagen kennt, sich über ihn nur kluge Gedanken macht, ihm aber nie persönlich begegnet ist, hat ihn auch noch nicht wirklich erkannt!

In Wahrheit übt Johannes hier eine tiefgehende Kritik an der "Gnosis". Was sie "erkannte", ist ein umfassendes System von Gedanken über Gott und die Welt. Die Gemeinden aber hatten "ihn" erkannt, ihn, der selbst als lebendige Person unser Retter und Herr ist. Er ist die Versöhnung für unsere Sünden, ja, für die der ganzen Welt. Sein mächtiger Liebeswille ist darin hervorgebrochen. Dieser Liebeswille zieht uns in seine Gemeinschaft und in sein Leben hinein. Er kommt zum Ausdruck in seinen "Geboten", die nach V. 7 ff. im Grunde nur ein einziges Gebot, das Gebot der Liebe, sind.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 46

Was Johannes der damaligen Gnosis vorwirft, lässt sich durchaus auch im Blick auf heutige Esoteriker sagen: Sie theoretisieren über Gott. Sie betrachten ihn als Objekt ihrer Betrachtungen. Sie haben unterschiedliche Systeme und Rituale, um diesem Gott nahe zu kommen, aber sie gehen nicht von einem persönlich erfahrbaren Gegenüber aus. Sie sehen in Gott eine Energiequelle, die sie ganz unterschiedlich anzuzapfen versuchen, aber sie sind dem lebendigen und in Christus Mensch gewordenen Gott nicht persönlich begegnet und haben somit letztlich von Gott nichts erkannt.

Johannes bleibt sich treu und provoziert uns auch in diesen Versen. Wieder greift er sein bekanntes kompromissloses „Wer sagt...“ auf:

- Vers 4: Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit.

- Vers 6: Wer sagt, daß er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist.

Gotteserkenntnis zeigt sich für Johannes ganz konkret im Leben, in der praktischen Jesusnachfolge, in der konsequenten Orientierung an den guten Ordnungen Gottes. Dass es sich für Johannes dabei nicht zwingend und vor allem ausschließlich um die zehn Gebote handelt, wird einerseits durch den Wechsel vom Halten der Gebote zum Halten seines Wortes deutlich (Vers 3 bis 4 zu Vers 5) und andererseits in der Zuspitzung ab Vers 7 auf das Liebesgebot.

Liebe zu Gott, Liebe zu Jesus erschöpft sich weder in richtigen theologischen Erkenntnissen noch in ergreifenden Gefühlen, sondern "vollendet" sich im Gehorsam gegen den Willen Gottes in Christus, im "Bewahren" des Wortes und der Gebote Jesu.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 48 bis 49

Wirkliche Gotteserkenntnis zeigt sich für Johannes an unserem Gehorsam dem Wort Gottes gegenüber, dem in Christus fleischgewordenen Wort und dem in der Bibel schwarz auf weiß nachzulesendem Wort Gottes.

Erstmals gebraucht Johannes hier im 6. Vers eins seiner Lieblingsworte: “Bleiben in ihm“

Im Johannesevangelium kommt das "Bleiben" einundvierzig Mal, in unserem Brief zweiundzwanzig Mal, im 2. Johannesbrief dreimal vor. In allen anderen Schriften des NT findet es sich zusammen nur zweiundfünfzigmal.

Aber nun ist wieder die Frage der Wahrheit an diejenigen gerichtet, die dieses "Bleiben in ihm" für sich in Anspruch nehmen. "Wer behauptet, in ihm zu bleiben, ist es schuldig, wie jener gewandelt hat, auch selber so zu wandeln." Wir haben es wieder mit einer jener einfachen Feststellungen des Johannes zu tun, die unbestreitbar wahr sind und uns darum so herausfordern. Nichts an diesem Satz ist schwierig zu verstehen und der Erklärung bedürftig. In Christus "bleiben" und zugleich ganz andere Wege gehen, als er gegangen ist, das ist unmöglich. Wir würden uns damit immer weiter von ihm entfernen.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 49

Wieder wird Johannes hier nicht konkret. Aber gerade indem er keinen Katalog von Regeln und Ordnungen, von Verboten und Vorschriften aufstellt, wie ein Christ zu leben hat, bewahrt er uns nicht nur vor der gefährlichen Falle der Gesetzlichkeit, die ständig den Puls des richtigen Glaubens an „dem Du musst“ und „Du sollst!“ ablesen will, und entlässt uns andererseits in den konkreten Gehorsam Jesus und seinem Wort gegenüber.

Sein Wort halten, bedeutet nicht nur sein Wort zu kennen, sondern vor allem nach diesem Wort – nach Jesus selbst – zu leben. Dies beschreibt Johannes als das Ziel der Gottesliebe mit unserem Leben. In der konkreten Jesusnachfolge und dem Gehorsam dem Wort Gottes gegenüber zeigt sich unsere Gotteserkenntnis. Letztlich können wir nur so Gott erkennen, indem wir das tun, was er uns in seinem Wort gesagt hat.

Das ist das "Ziel" der Liebe Gottes mit uns: Menschen, die von dem wirkenden Wort Jesu umgestaltet werden in sein Bild.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 48

Johannes 2, Vers 7 bis 11 (Gute Nachricht): Ihr Lieben, was ich euch schreibe, ist kein neues Gebot, sondern das alte, das ihr von Anfang an kennt. Es ist die Botschaft, die ihr gehört habt. Und doch ist es das stets neue Gebot - so wie Christus es verkündet und selbst erfüllt hat und wie er es euch gegeben und euch zu seiner Erfüllung befähigt hat. Denn die Dunkelheit weicht zurück, und das wahre Licht leuchtet schon. Wer behauptet, im Licht zu leben, aber seinen Bruder nicht liebt, ist immer noch im Dunkeln. Nur wer seinen Bruder liebt, lebt wirklich im Licht. Und im Licht gibt es nichts, wodurch er zu Fall kommen könnte. Wer aber seinen Bruder nicht liebt, lebt in der Dunkelheit. Er tappt im Dunkeln und weiß nicht, wo sein Weg endet; denn die Dunkelheit hat ihn blind gemacht.

Erstmals spricht Johannes seine Leser hier als Geliebte an, als von Gott Geliebte. Damit will Johannes dem, was er anschließend schreibt, die Schärfe und die Schwere nehmen. Ja, er will seine Leser und damit auch uns nicht erdrücken und ängstigen. Sondern sie dürfen als die von Gott Geliebten in der Freiheit der Kinder Gottes leben lernen.

Er hat uns nichts Neues mitzuteilen. Keine neuen Regeln, keine weiteren Forderungen. Es geht um etwas Altvertrautes und Wohlbekanntes. Jesus selbst hatte darüber bereits zu seinen Lebzeiten mit seinen Jüngern gesprochen, Johannes 13, Vers 34 (Einheitsübersetzung): Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Als Liebesgebot fasste Jesus alle Gebote und Forderungen des Gesetzes zusammen, Matthäus 22, Vers 37 bis 40 (Einheitsübersetzung): Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

Nichts Neues also, und doch ist es neu, weil die Liebe in und durch Jesus Gestalt annahm, weil durch IHN eine neue Zeit anbrach, weil seit Ostern der Tod brüchig geworden ist und seit damals in dieser Welt nichts mehr so ist, wie es war. In Jesus hat etwas völlig Neues begonnen, ist das Reich Gottes auf die Erde gekommen, und seit damals breitet sich der Herrschaftsbereich Gottes immer weiter aus, überall dort, wo Menschen Jesus ernst nehmen, wo Menschen die Herrschaft Jesu über ihr Leben freiwillig annehmen und ihm folgen, bis Jesus wiederkommen und eine neue Welt und einen neuen Himmel schaffen wird, wo die zweite Bitte des Vaterunsers erfüllt und sein Reich tatsächlich und sichtbar für alle gekommen ist.

Das, was der Prophet Jeremia, Kapitel 31, Vers 31 bis 34 (Einheitsübersetzung): Seht, es werden Tage kommen - Spruch des Herrn -, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war - Spruch des Herrn. Denn das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe - Spruch des Herrn: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, sondern sie alle, klein und groß, werden mich erkennen - Spruch des Herrn. vorausgesehen hat, hat mit Jesus angefangen sich zu erfüllen.

Es geht nicht um neue – und scheinbar bessere Gebote und Ordnungen – es geht um dieses eine alte Gebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten. Allerdings – und das ist das Neue – dieses Gebot hat einen neuen Platz bekommen: mitten in unserem Herzen!

So hat es Paulus formuliert, Römer 5, Vers 5 (Einheitsübersetzung): Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Johannes kennt wie Paulus die ganze "Unwahrheit" und "Unwirklichkeit" des Lebens unter dem Gesetz, alles das, was Paulus in Römer 7 dargestellt hat. Hier ist in der Gemeinde Jesu die Wendung geschehen. Was das Gebot Gottes will, das "erweist sich als wahr in ihm und in euch". Das Gebot schwebt nun nicht mehr als eine bloße Forderung über den Menschen. Es ist "in ihm", in Jesus, "wahr" geworden, lebendige Wirklichkeit. Und wenn die Gemeinde nun "in ihm", in dem lebendigen Herrn, "bleibt" und lebt und an seinem Wesen und Wandel teilnimmt (V. 6), dann wird das "alte" Gebot ganz "neu" Wirklichkeit auch "in euch", in den Gliedern der Gemeinde. Das ist möglich und geschieht wirklich, weil in der Sendung Jesu die Lage für uns eine völlig neue geworden ist.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 52

Das ist das "Neue" an dem "neuen Gebot", daß es mit seinem alten Inhalt jetzt nicht mehr bloßes "Gebot" ist, sondern sich in Wirklichkeit als Gestaltung des Lebens vollzieht. Das entspricht genau der Voraussage Gottes durch Jeremia in seinem Wort vom Neuen Bund (31,21 ff).

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 53

Durch den Heiligen Geist, den von Jesus selbst versprochenen Tröster und Beistand, bleibt die Liebe Gottes keine abstrakte theoretische Lehre, sondern kann handgreiflich und buchstäblich von uns erfahren und gelebt werden.

Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist.

Mit dem Herzen ist hier der zentrale Ort unsers Willens und unserer Entscheidungen gemeint. Als Christen haben wir den Heiligen Geist und durch den Heiligen Geist eben auch diese göttliche Liebe in uns, die uns anders leben lässt, die uns dazu befreit, den anderen zu sehen, die uns dazu befähigt, uns selbst zurücknehmen zu können.

Wieder gebraucht Johannes sein schonungsloses „Wer sagt!“ Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder haßt, ist noch in der Finsternis.

Hass ist für Johannes etwas völlig anderes, als wir darunter verstehen. Für Johannes beginnt der Hass auf den Mitchristen mit der fehlenden Liebe. Dies wird er im 3. Kapitel noch weiter ausführen. Deshalb übersetzt die Gute Nachricht den 10. Vers folgerichtig: Wer aber seinen Bruder nicht liebt, lebt in der Dunkelheit.

Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, fehlende Anteilnahme, Ablehnung und Abneigung bedeuten für Johannes, seinen Mitchristen zu hassen. Es geht hierbei nicht um Sympathie und Antipathie, oder darum, dass ich zu allen die gleiche innige Beziehung habe und jeden in der Gemeinde zu meinem Freundeskreis rechnen muss. Es geht um meine willentliche Entscheidung, mich kraft der durch den Heiligen Geist geschenkten Liebe Gottes dem anderen als meinem Bruder und meiner Schwester in Christus aktiv zuwende, den anderen eben nicht mehr links liegen zu lassen, sondern mich auf ihn zu bewege, ihn nicht übersehe, sondern wahrnehme.

Liebe macht blind, sagt man. Johannes behauptet das Gegenteil! Liebe macht sehend, und Hass macht blind. Jede Form der Lieblosigkeit meinem Mitchristen gegenüber zeigt unbestechlich meinen geistlichen Zustand an: Ich befinde mich in der Finsternis, und mir fehlt jegliche Orientierung. In Wahrheit bin ich blind.

Das "Hassen des Bruders" ist zentrales Wesen der "Finsternis", wie das "Lieben" wesentlich zum leuchtenden "Licht" gehört.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 54

Johannes geht es in diesen Versen nicht um Perfektion – und wir sollten den ersten Vers des 2. Kapitels am besten auswendig lernen, 1. Johannes 2, Vers 1b (Einheitsübersetzung): Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten.

Und es gilt, dass vor jedem Anspruch erst einmal der Zuspruch steht! Bevor wir zu lieben haben, werden wir als die von Gott geliebten angesprochen. Wir müssen die Liebe nicht produzieren, sondern als die von Gott in Christus unendlich Geliebten sind wir durch die uns bereits geschenkte Liebe Gottes dazu befreit, einander die Hand reichen zu können.

Bevor wir gehorsam den Willen Gottes zu tun haben, leben wir vom Gehorsam Christi, der für uns aus Liebe freiwillig bis zum Letzten ging, so dass wir dazu befreit wurden, selbstlos leben zu können.

Vor jedem Anspruch steht der Zuspruch!

Unser Glaube ist nicht von unseren Gefühlen, unserem Wissen oder unseren Erfahrungen abhängig, sondern wird sich in konkreten Schritten der Nachfolge Christi und der Bruderliebe als Wirklichkeit unseres Lebens deutlich zeigen!



Krefeld, den 14. August 2005
Pastor Siegfried Ochs



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