Sünde bewältigen

Da kommen drei miteinander ins Gespräch und der eine sagt: „Alles, woran ich denken kann, ist, wie verdorben ich innerlich bin. Da scheinen so viele Sünden zu sein. Wird man die eine los, taucht schon die nächste auf und füllt die Lücke aus. Ich glaube nicht, dass ich jemals gut genug sein werde, um irgendetwas wirklich Nützliches für Gott zu tun.“

„Niemand ist vollkommen“, sagt der Andere.

„Na ja, jedenfalls niemand außer meinem Freund Donald“, antwortet der Dritte. „Er hat noch nie in seinem Leben eine Sünde begangen.“

„Es gibt doch niemanden, der noch nie etwas Falsches getan hat!“

„Doch, mein Freund Donald hat noch nie etwas Falsches getan“

„Er hat noch nie etwas Falsches getan? Ein perfekter Christ?“

„Er wird gleich kommen, dann werdet ihr es selbst sehen -, er hat noch nie gestohlen, nie jemanden ermordet, niemals Ehebruch begangen, niemals jemanden beneidet, niemals eine Frau lüstern angesehen, nie auch nur eine einzige Lüge von sich gegeben, nie eine feige Tat begangen, niemals jemanden verletzt, niemals jemanden geschlagen, niemals jemanden geschubst, belästigt oder gehasst.“

„Aber bestimmt ...“

„Donald war niemals habgierig, faul oder geizig, hat nie seinen Abfall in die Landschaft geworfen oder ruhestörenden Lärm verursacht, ist nie mit zu viel Alkohol im Blut Auto gefahren oder hat das Eigentum anderer Leute beschädigt. Er hatte nie auch nur einen einzigen unfreundlichen Gedanken, er trägt niemandem etwas nach, klatscht niemals und ist nie unpünktlich oder anzüglich oder verleumderisch. Er hat niemals irgendeine Art von Konflikt verursacht, fortgesetzt oder gebilligt. Er beklagt sich nie, lästert nie, betrinkt sich nie, isst nie zu viel, betet keine falschen Götzenbilder an, ist niemals gemein oder bedrohlich oder böswillig.“

„Aber ...“

„Donald sieht sich niemals unanständige Videos an, verurteilt aber auch nicht diejenigen, die es tun. Er richtet niemals und ist weder übermäßig sentimental noch streng noch unversöhnlich. Er ist niemals traurig, wütend, böse oder (ringt nach Worten) anti-orientalisch. Er raucht nicht, flucht niemals, ist niemals grob und starrt niemanden an. Donald hat noch nie auch nur eine einzige Sünde begangen. Ach, und noch eine Sache.“

„Ja?“

„Er kommt nicht in den Himmel.“

„Warum nicht?“

„Weil er aus Holz ist.“

© Adrian Plass, O Herr, lass mich (k)ein Kohlkopf sein!, Seite 29 - 31

Tja, nur Holzmännchen sündigen nicht - wir schon!

1. Johannes 1, Vers 7b bis 2, 2 (Einheitsübersetzung): Wenn wir aber im Licht leben, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde.

Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.

Fünfmal gebraucht Johannes in diesen sechs Versen das kleine Wörtchen „wenn“:

- wenn wir im Licht leben

- wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben

- wenn wir unsere Sünden bekennen

- wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben

- wenn aber einer sündigt

Mit dem 7. Vers leitet Johannes diesen kurzen Abschnitt über die Sünde im Leben des Christen ein und geht anschließend jeweils zweimal auf die Verdrängung der Sünde und zweimal auf die in Christus angebotene Vergebung der Schuld ein.

Wieder lässt Johannes sich auf keine Argumentation und schon gar nicht auf eine Diskussion in dieser Sache ein. In geballten einfachen Sätzen konfrontiert der altgewordene Apostel Johannes seine Leser radikal mit der Wahrheit.

Wenn wir aber im Licht leben, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde.

Es geht bei dem Leben oder „Wandel“ im Licht eben nicht um „Sündlosigkeit“. Im Licht leben meint nicht ein fleckenloses, reines, geradezu göttliches Leben.

Das wird sich erst ereignen, wenn wir Jesus sehen werden, wie er ist (1. Johannes 3, Vers 2), wenn wir bei ihm sein werden.

Wie sagte mal jemand: Christen sind kranke Leute wie alle anderen auch! Und sie müssen immer wieder ins Hospital, um sich heilen zu lassen, und sie nehmen ihre Freunde mit, damit auch sie diese Heilung erleben. Christen werden erst im Sarg gesund!

In diese Falle tappen wir immer wieder und halten uns als christliche Gemeinschaft für vollkommen und sündlos. Aber es ist genau umgekehrt. Wir sind nicht die Gemeinschaft der Sündlosen, sondern der Sünder. Deshalb hängen wir uns doch an Jesus, weil wir Sünder sind und bleiben und einen Heiland nötig haben!

Darum geht es also gerade nicht beim Leben im Licht: um eine vollkommene Gemeinschaft, um das Miteinander der Sündlosen und Makellosen, der Fehlerfreien und Tadellosen, sondern genau das Gegenteil ist der Fall: Wenn wir im Licht Gottes leben, wird auch und gerade unsere Schuld und Sünde, unsere Erbärmlichkeit und unser Versagen deutlich und sichtbar. In dem alles durchdringenden Licht Gottes wird unsere Sündhaftigkeit geradezu angestrahlt und somit auch sichtbar für uns selbst und für die anderen.

In einem dunklen Raum sieht man weder die Brotkrümel auf dem Teppich, noch die Spinnweben an der Wand. Die Papierfetzen auf dem Boden fallen nicht auf, und auch der Fußabdruck auf dem Teppich stört nicht wirklich. Doch sobald man das Licht anmacht, wird der ganze Dreck sichtbar. Jeder kann ihn sehen. Er ist nicht zu verstecken. Er ist einfach sichtbar.

Das meinte Dietrich Bonhoeffer, als er schrieb: Es kann sein, dass wir als Christen trotz aller Gemeinschaft allein gelassen bleiben, dass der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil wir zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder.

Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen. Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre. Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und der Heuchelei; denn wir sind nun einmal Sünder.

Es ist aber die Gnade des Evangeliums, die für den Frommen so schwer zu begreifen ist, dass es uns in die Wahrheit stellt und sagt: Du bist ein Sünder, ein großer heilloser Sünder und nun komm als dieser Sünder, der du bist, zu deinem Gott, der dich liebt. Er will dich so, wie du bist, er will nicht irgendetwas von dir, ein Opfer, ein Werk, sondern er will allein dich.

Gott ist zu dir gekommen, um den Sünder selig zu machen. Freue dich! Diese Botschaft ist Befreiung durch Wahrheit.

Vor Gott kannst du dich nicht verbergen. Vor ihm nützt die Maske nichts, die du vor den Menschen trägst. Er will dich sehen, wie du bist, und er will dir gnädig sein. Du brauchst dich selbst und deinen Bruder nicht mehr zu belügen, als wärest du ohne Sünde, du darfst ein Sünder sein, danke Gott dafür; denn er liebt den Sünder, aber er hasst die Sünde.

© Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, Seite 95 - 96

Das Geheimnis der christlichen Gemeinschaft besteht also nicht darin, dass dort Menschen zusammen kommen, die fehlerfrei und sündlos leben und sich gegen die böse Welt abschotten, sondern die christliche Gemeinschaft wird geradezu durch das Gegenteil begründet:

1. Es kommen Sünder zusammen, Sünder, die den Tod verdient haben!

2. Da ist kein Sünder besser als der andere Sünder, und deshalb kann sich in dieser Gemeinschaft der Sünder auch kein Sünder über den anderen Sünder erheben

3. Da weiß jeder, dass er Christus und seine Vergebung bitter nötig hat

4. So leben alle miteinander von der reinigenden Kraft des Blutes Jesu Christi

5. Weil alle miteinander von der Vergebung Gottes leben, werden sie auch einander vergeben

Deshalb gehört zur Liturgie in der Evangelischen Kirche auch das Sündenbekenntnis mit dem sich anschließenden Gnadenwort der Vergebung.

In seiner einleitenden Überschrift geht Johannes nicht auf die Frage ein, wie das Blut Jesu Christi uns von der Sünde reinigt. Er stellt im 7. Vers erst einmal diese Tatsache als gegeben hin. So ist es: das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde.

Und er mutet jedem Leser zu, dass er selber bedenkt, was dieses Blut für ihn bedeutet. Es vermag, was keine Wissenschaft, Technik, Kunst und Macht der Welt je erreichen kann: es vermag von Sünde zu reinigen. Gerade das aber ist es, was jeder Mensch nötiger als alles andere braucht. Hier wird der einzigartige, durch nichts anderes zu ersetzende Wert der Botschaft von Jesus sichtbar. Freilich, es ist darum auch in sich selbst etwas Erstaunliches und Unbegreifliches, was uns als Mittel „zur Reinigung von unserer Sünde“ angeboten wird: Es ist „das Blut des Sohnes Gottes“. Wie kann einer, der „Gottes Sohn“ ist, sein Blut im gewaltsamen Tod vergießen? Wie kann dieses Blut mich heute reinigen? Wie kann es mich so „reinigen“, dass ich vor dem Gott, der Licht ist, hell und unbefleckt dastehe? Johannes geht auf solche Fragen nicht ein. Erfahre die tatsächliche Kraft dieses Blutes! Das ist entscheidend!

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 38

Francis Bottome (1823 – 1894) hat dies in einem alten Lied so ausgedrückt: Welch Glück ist’s erlöst zu sein, Herr, durch dein Blut! Ich tauche mich tief hinein in diese Flut. Von Sünd und Unreinigkeit bin ich hier frei und jauchze voll seliger Freud: „Jesus ist treu!“

O preist seiner Liebe Macht! Preist seiner Liebe Macht, preist seiner Liebe Macht, die uns erlöst!

© Ich will dir danken, Nummer 253

Es gibt nur ein einziges Reinigungsmittel für unsere Schuld und Sünde, und das ist das Blut Jesu Christi, das furchtbare stellvertretende Sterben Jesu am Kreuz von Golgatha. An diesem Kreuz vorbei und ohne dieses Blut gibt es keine Vergebung für unsere Schuld! Wer an dieser Stelle etwas anderes sagt, verdreht die Wahrheit und lehrt ein falsches Evangelium. An diesem Punkt fallen bis heute letzte Entscheidungen. Jede Theologie, wie klug und fein und subjektiv ehrlich sie sein mag, die das Kreuz aus der Mitte rückt und nicht mehr „Wort vom Kreuz“ sein will, steht unter diesem Gericht, dass sie Gott zum Lügner macht.

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 42, Anmerkung 51

Die Tatsache, dass das Blut Jesu Christi uns von unserer Schuld reinigt, ist das Evangelium, die gute Nachricht, dass seit Karfreitag niemand mehr an seiner Schuld zu ersticken braucht, weil Christus für die Sünder starb.

In den weiteren Versen geht Johannes auf das „Wie“ ein: Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht.

Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.

Wenn wir unsere Sünden bekennen, dann vergibt sie Gott uns. Er reinigt uns von unserer Ungerechtigkeit. Jesus ist unser Anwalt und Beistand. Er selbst hat unsere Sünden an seinem Leib stellvertretend für uns gesühnt, nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt.

Die reinigende Kraft des Blutes Jesu Christi erfahren wir, wenn wir vor Gott und voreinander wahr werden, uns als Sünder begreifen und Sünde als Schuld vor Gott bekennen.

Auch auf die Art und Weise des Sündenbekenntnisses geht Johannes nicht weiter ein und eröffnet damit die verschiedenen Möglichkeiten, Vergebung seiner Schuld zu erfahren:

- im persönlichen Gespräch mit dem lebendigen Gott

- in der Beichte vor einem Mitchristen

- im gegenseitigen Bekennen, wie Jakobus schreibt

Jakobus 5, Vers 16 (Einheitsübersetzung): Bekennt einander eure Sünden, und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.

Da Johannes die Art und Weise des Bekennens offen lässt, stehen uns damit auch alle Möglichkeiten offen. Nicht die Form entscheidet, sondern das ehrliche und aufrichtige Bekenntnis der Schuld vor Gott.

Dabei kann für uns aber gerade die Form der Beichte, dass ich zu einem Mitchristen – vielleicht nachher zu einem vom Segens- und Gebetsteam – gehe, mir dabei helfen, mir meiner Vergebung gewiss zu werden. Nur Gott kann Schuld vergeben. Nur das Blut Jesu Christi kann uns von der Sünde reinigen. Doch manchmal reicht es eben nicht, die Schuld für sich allein vor Gott zu bekennen. Wie sagte Bonhoeffer: „Der Christus im Bruder ist stärker als der Christus in mir!“ Manchmal brauche ich den Zuspruch und die Zusage der Vergebung aus dem Mund eines Mitchristen, um mir meiner Vergebung auch wirklich gewiss zu werden. Aus vielen seelsorgerlichen Gesprächen heraus weiß ich, wie unendlich schwer es uns fällt, uns auch selbst zu vergeben!

Johannes geht in diesen Versen auch nicht auf die Frage ein, um welche Art von Sünden es sich hier handelt. Er bleibt an dieser Stelle allgemein und wird gerade dadurch konkret. Wir unterscheiden allzu gerne die Schwere einer Sünde und vergleichen uns schnell mit denen, die „richtig gesündigt“ haben, indem sie offensichtlich für alle gegen die Gebote Gottes verstoßen haben. Aber es gibt biblisch keine großen oder kleinen Sünden. Es gibt Schuld mit unterschiedlichen Konsequenzen für mich selbst und meine Mitmenschen. Doch jede Sünde trennt mich von Gott und dem Nächsten und zerstört so diese Dreiecksgemeinschaft. Jeder böse Gedanke über einen anderen Menschen ist Sünde. Jede unterlassene Freundlichkeit ist Sünde. Nicht wir – sondern die Heiligkeit Gottes ist der Maßstab für Schuld und Sünde. Nicht in unser Ermessen stellt Johannes die Frage, was Sünde ist, sondern ins Licht der Gegenwart Gottes.

Johannes fordert uns nicht dazu auf, uns miteinander zu messen und untereinander zu vergleichen, wer denn unter uns der größte und der kleinste Sünder ist und so eben auch der beste und der schlechteste Christ von allen. Er legt den Maßstab anders an: Gott selbst ist die Norm: seine Reinheit, seine Heiligkeit, sein Licht. Alles, was an diesem Maßstab gemessen, nicht bestehen kann, ist Schuld und Sünde!

Wir können die Sünde nicht bewältigen, indem wir sie nicht wahrhaben wollen, oder uns selbst für sündlos halten oder unsere Schuld auf andere abschieben, auf die Umstände, das Elternhaus, auf die Gesellschaft.

Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

Wer sich für sündlos hält, läuft nicht nur selbst in die Irre, er erklärt auch im Letzten Gott zum Lügner! Gott sagt in der Hingabe seines Sohnes: So schwer ist deine Sünde! Wir sagen: Nein, das ist nicht wahr! Der Sohn Gottes musste gar nicht für uns bluten und sterben, so schlimm und verzweifelt steht es nicht mit mir.

Jetzt „lügen“ nicht nur wir selbst; jetzt „führen wir“ nicht nur „in die Irre“, jetzt stellen wir den als „Lügner“ hin, der „Licht ist“ und in dem es „keine Finsternis gibt“!

© Werner de Boor, Die Briefe des Johannes, Seite 41 bis 42

Nur „Holzköpfe“ sündigen nicht! Wenn wir nicht wahrhaben wollen, dass wir als Christen zuerst einmal eine Gemeinschaft der Sünder sind, für die es keinen Tag „unfallfrei gefahren“ gibt, machen wir nicht nur uns selbst etwas vor, sondern erklären im Letzten damit sogar Gott zum Lügner und den Kreuzestod Christi für überflüssig und unsinnig.

Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.

Johannes hat ein seelsorgerliches Anliegen. Er möchte, dass seine Leser nicht sündigen und kommt dennoch wieder auf die Realität des christlichen Lebens zu sprechen, dass wir eben auch als Christen tagtäglich schuldig werden.

Wir spüren hier die Spannung zwischen dem, wie wir leben sollen und wie wir tatsächlich leben, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es gibt nicht nur die Gefahr, dass wir die Sünde immer nur beim Anderen sehen, unsere eigene Schuld nicht wahrhaben wollen und unsere dunklen Seiten schönreden, es gibt auch die Gefahr, dass wir die Vergebung Gottes allzu selbstverständlich nehmen und sie so geradezu billig für uns wird, weil wir sie als zu selbstverständlich hinnehmen. Doch wie schreibt Bonhoeffer: Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – „ihr seid teuer erkauft“ -, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem darum, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab.

© Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, Seite 31

Daneben muss noch ein letztes gesagt werden: Nicht nur andere klagen uns an, nicht nur wir selbst klagen uns an, wir werden auch permanent vom Teufel bei Gott angeklagt, Offenbarung 12, Vers 10 (Einheitsübersetzung): Der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte.

Doch jedes Mal wenn wir wegen unserer Schuld und Sünde wieder einmal angeklagt werden oder uns selbst anklagen – tritt Christus unser Anwalt und Fürsprecher auf und sagt: „Ich habe für diesen Menschen mit meinem Leben bezahlt!“

Dabei dürfen wir – wie Johannes deutlich macht – nicht bei uns stehen bleiben, sondern müssen die Welt und die Verlorenen in den Blick bekommen. Christus ist die Sühne für die Sünde der ganzen Welt. Es gibt tatsächlich niemanden, der über diese Erde geht und den Gott nicht liebt. Wie könnten wir als Kinder Gottes da einen Menschen von diesem Versöhnungsangebot Gottes ausschließen?



Krefeld, den 10. Juli 2005
Pastor Siegfried Ochs



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